Das Mosaik von Otranto und seine tiefere Bedeutung
Das Mosaik von Otranto ist ein Meisterwerk, das von der Erlösung erzählt.
Wenn du die Kathedrale von Otranto betrittst, fällt dein Blick sofort nach unten. Der Boden ist kein einfacher Boden: Er ist ein riesiger Teppich aus bunten Steinen, der fast tausend Jahre Geschichten erzählt. Er bedeckt mehr als 590 Quadratmeter, stammt aus dem 12. Jahrhundert und gehört zu den am besten erhaltenen Bodenmosaiken Europas. Er ist nicht nur groß: Er lebt, voller Bedeutung und Details, die dich langsam gehen lassen, um nichts zu verpassen.
Der Autor hieß Pantaleone, ein Priester, der es zwischen 1163 und 1165 im Auftrag des Erzbischofs Gionata schuf. Er signierte es auch, mit einer lateinischen Inschrift, die man noch heute nahe dem Eingang sieht. Wahrscheinlich kam Pantaleone aus einem gebildeten Umfeld, vielleicht verbunden mit der Abtei San Nicola di Casole, die damals das kulturelle Zentrum des Salento war. Wir wissen nicht genau, wo er gelernt hat, so komplexe Mosaike zu machen, aber sicher hatte er einen Kopf voller Geschichten, Symbole und Einflüsse aus dem ganzen Mittelmeerraum.
Das Mosaik erzählt die Reise des Menschen zur Erlösung. Es beginnt mit der Erbsünde, geht durch die Entscheidungen zwischen Gut und Böse und endet mit der Hoffnung auf das ewige Leben. Im Zentrum steht der Lebensbaum, riesig, mit Ästen, die sich öffnen und verschiedene Szenen einschließen: Er symbolisiert das Versprechen der Erlösung, das Leben, das den Tod besiegt. Daneben, fast als Gegenstück, steht der Baum des Bösen, mit Wurzeln, die in Sünde und Versuchung reichen.
Um diese beiden Bäume herum entwickelt sich alles andere. Du findest den Zyklus von Adam und Eva: die Schöpfung, die Schlange, der Fall, die Vertreibung aus dem Paradies. Die Figuren sind einfach, fast kindlich an manchen Stellen, aber gerade deshalb sehr stark. Dann gibt es reale und fantastische Tiere, mittelalterliche Bestiarien, Zentauren, Greifen, geflügelte Löwen, Einhörner, Drachen. Und es fehlen nicht orientalische Einflüsse: Figuren, die wie aus persischen oder byzantinischen Miniaturen wirken. Es ist, als wollte Pantaleone sagen: „Hier kommt alles vorbei, vom Osten zum Westen, vom Heiligen zum Profanen, von der Bibel zu alten Mythen." Diese Mischung macht das Mosaik seltsam modern, obwohl es fast 900 Jahre alt ist.
Das Schöne ist, dass man es wie eine Geschichte lesen kann. Du gehst vom Mittelschiff zum Altar, und die Szenen folgen in Reihenfolge, von links nach rechts. Es ist ein bisschen wie ein illustriertes Buch für jene, die im Mittelalter nicht lesen konnten. Ab und zu gibt es auch vier lateinische Inschriften, die helfen zu verstehen: Zwei am Eingang mit den Namen des Auftraggebers und des Autors, zwei weiter vorne, die den theologischen Sinn einiger Teile erklären.
Was mich am meisten beeindruckt hat, ist seine Unversehrtheit. Nach Jahrhunderten von Schritten, Kriegen, Feuchtigkeit und Erdbeben ist es noch da. Farbintensiv und lesbar. Man bewundert es nicht nur aus der Ferne. Man tritt darauf (natürlich respektvoll), folgt ihm mit den Augen beim Gehen. Jedes Mal entdeckt man neue Details. Ein Greifvogel mit Beute, ein Zentaur mit Instrument, Adam in Scham... eine ganze Welt unter den Füßen.
Wenn du nach Otranto gehst, nimm dir Zeit. Du musst nicht die ganze mittelalterliche Theologie kennen. Schau es dir genau an. Es erzählt dir selbst eine uralte Geschichte: Wir stolpern, wählen, suchen den Weg nach Hause. Es hinterlässt bei mir immer ein Gefühl von Staunen und Frieden.
Otranto ist so: ein Ort, wo Geschichte auf Meer und Natur trifft. Nach der Zeit in der Kathedrale gehe ich oft spazieren. Der Lungomare degli EroiLungomare degli Eroi beginnt gleich dort. Er führt vom historischen Zentrum zum Hafen mit atemberaubender Aussicht. Oder, wenn du Lust auf Meer hast, nimm das Auto oder geh zu Fuß. Besuche die schönsten Strände: die Baia dei Turchi mit ihrem Pinienwald und dem unvergesslichen Türkis, oder die anderen Buchten, die Otranto einzigartig machen.